Überlieferung der Augustinusregel

Problematik der Regula Sancti Augustini
Es ist nicht ganz leicht, der Überlieferung der Augustinusregel nachzugehen. Die Problematik besteht darin, dass uns verschiedene Texte als Augustinusregel überliefert sind, denen P. Lukas Verheijen OSA im Jahre 1967 verschiedene Bezeichnungen gab. Das Kernstück der Regel existiert sowohl in einer Fassung für Männer, mit Namen Praeceptum, als auch in einer für Frauen, Regularis informatio. Ein kürzerer Text mit Weisungen für die äußere Ordnung des klösterlichen Alltags, genannt Ordo monasterii, ist in vielen Handschriften dem Praeceptum, der Fassung für die Männer, vorangestellt, in einigen Fällen auch der Fassung für die Frauen. Die heute geltende Form der Regel in den Männer- und Frauenorden , die Regula recepta, besteht aus einem einleitenden Satz des Ordo monasterii, dieses kurzen Textes mit den Weisungen für den klösterlichen Alltag, und dem Praeceptum - für die Frauen natürlich dementsprechend adaptiert.

Der Ordo monasterii
Nur noch sein erster Satz ist in der heutigen Form der Regel enthalten: "Vor allen Dingen, liebe Brüder, sollt ihr Gott lieben, sodann den Nächsten; denn das sind die Hauptgebote, die uns gegeben sind."
Weiters enthält dieser kurze Text Anweisungen für das Zusammenleben im Kloster: Die Gebetszeiten, wann und wie ist zu beten, die Einteilung der Arbeitszeit, der Gehorsam, die Tischlesung und das Verhalten bei Tisch, das Verhalten außerhalb des Klosters, die Zeiten des Redens und des Schweigens, die Strafe bei der Missachtung dieser Regeln.
Der Ordo monasterii schließt dann: "Wenn ihr aber um Christi willen diese Vorschriften treu und gewissenhaft beobachtet, werdet ihr selbst Fortschritte machen, und uns wird euer Heil Anlass sein zu nicht geringer Freude."

Das Praeceptum
Das Kernstück der Regel, das Praeceptum, beginnt erst mit dem Satz: "Das ist es, was wir euch im Kloster gebieten." Dieses Praeceptum schrieb Augustinus für seine erste monastische Gründung, für Männer ohne pastoralen Auftrag in Hippo. Es müsste um das Jahr 397 entstanden sein, als er diese Gemeinschaft verließ, um nun in seiner zweiten Gründung, einem Klerikerkloster, zu leben.

Die Regularis informatio
Hier wird es nun ein wenig problematischer! Dieser Regeltext für Frauen findet sich erstmals im 13. Jahrhundert, und zwar in Handschriften im Zusammenhang mit einem Brief an Klosterfrauen. Damit ergibt sich die Frage: Hat der heilige Augustinus den Text nun für Männer oder für Frauen verfasst?
Bereits im 12. Jahrhundert wird vereinzelt die Ansicht geäußert, dass die Regel des hl. Augustinus ursprünglich für Frauen verfasst worden sei.
Es berichtet zum Beispiel der hl. Possidius, dass die verwitwete Schwester des Augustinus als Vorsteherin eines Frauenklosters ihr Leben beschloss. Nichts einfacher als anzunehmen, dass der Brief an dieses Frauenkloster gerichtet und auch die Regel für dasselbe geschrieben war und mit dem Brief übersandt wurde.
Erasmus von Rotterdam fiel es noch auf, dass im letzten Kapitel der Regel die Klosterfrauen aufgefordert werden, als sogenannte "Liebhaber der geistigen Schönheit" die Regel zu beobachten, durch ihre Observanz den Wohlgeruch Christi zu verbreiten und bei der allwöchentlichen Lesung der Regel sich in ihr wie in einem Spiegel zu betrachten. Schönheit, Parfüm und Spiegel, das sind Sachen, die für Frauen interessant sind. "Darum ist die Regel wohl ursprünglich für Frauen geschrieben", sagt er.
Diese These wird aber in der neueren Fachliteratur immer seltener. Gründe dafür sind:
1. Bei den Worten "Schönheit, Parfüm und Spiegel" handelt es sich um Anspielungen auf die Hl. Schrift, die Augustinus gut kannte.
2. Die Handschriften der Nonnenregel und des Briefes stammen aus dem 13. Jhdt., die der Männerregel aber bereits aus dem 7. Jhdt.
3. Außerdem fehlen dem sogenannten Brief ganz wesentliche Bestandteile eines Briefes: Adressat, Anrede, Schluss; außerdem weicht der Ton im Brief auffallend ab vom Stil des hl. Augustinus. Es ist doch auch unwahrscheinlich, dass Augustinus 40 Jahre lang in seinen Klöstern gelebt hätte, ohne der Gemeinschaft irgendwelche festgesetzten Regeln zu geben!
Hans Urs von Balthasar nennt das auch im Buch "Die großen Ordensregeln" sehr unrealistisch, dass er auch für das Nonnenkloster in Hippo bis zum Jahre 423, in welches der Brief datiert wird, gewartet hätte und, so möchten wir betonen, für den feierlichen, bedeutsamen Akt der Überreichung der Klosterregel den grausam ungeschickten Augenblick gewählt hätte, wo er diese Kommunität scharf hätte tadeln müssen wegen Rebellion gegen die Oberin!
Verheijen macht diesbezüglich darauf aufmerksam, dass die Leseart, die sich im Brief findet, für Augustinus bezeichnend ist. Er hält es durchaus für möglich, dass Augustinus selbst der Verfasser des Briefes für jenes Frauenkloster in Hippo ist, in welchem seine eigene Schwester Oberin war, und dass die beigefügte Umschrift der Regel für Klosterfrauen in eben diesem Kloster vorgenommen wurde.

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